des Gegenstands, auch bei größtem Bemühen, verborgen bleiben müssten. Und förmlich ist hier keine Floskel, sondern trifft die Sache, um die es hier geht, essentiell. Fred Rückert setzt sich selbst gestellten formalen Herausforderungen aus. Dabei ist ihm das fotografische Motiv zwar als Abbild Vorbild und als objektiver Gradmesser unverzichtbar. Andererseits nennt er dieses Abarbeiten an den Fotos paradoxerweise „eigenkreativ sein“.

     Die Ausgangsfotos sind keine Zufallsfunde. Fred Rückert sucht und fotografiert seine Motive selbst, macht jeweils nur eine Aufnahme pro Motiv, keine Detailaufnahmen. Die Auswahl der Motive findet er im Banalen, im Unscheinbaren, Unauffälligen, Unbeachteten. Mit Demut nähert er sich seinen Gegenständen, mögen sie auch noch so un-bedeutend erscheinen. Doch geht es ihm primär nicht darum, einen Gegenstand durch Kunst aufzuwerten, nicht darum, etwa einen Frosch in einen Prinzen oder Stroh in Gold zu verwandeln. Warum dann das Triviale? Weil es sich eben nicht durch euphorischen Mehrwert Aufmerksamkeit erschleichen und dadurch unseren Blick verstellen kann. (Selbst der Aquarell-Zyklus, der vor einiger Zeit auf einer griechischen Insel entstand, lieferte keine mediterranen Postkarten-Idyllen.) Die Motive kokettieren aber auch nicht mit einer Arte-Povera-Ästhetik, prostituieren sich nicht durch Hässlichkeit, haben indessen Eigen-schaften, die Prüf- oder Stolpersteine für künstlerisches Umsetzungsvermögen bzw.

-unvermögen sein können – wie Oberflächen-beschaffenheit, Materialeigenschaften, verwirrende Perspektiven oder unkenntliche Räumlichkeiten, Farbwirkung. Ja, auch Farbe spielt eine Rolle und kann aufscheinen im unendlichen Spektrum der Schwarzweiß-Modulationen.

     Das Zeichnen bewegt sich, wie schon angedeutet, zwischen Polen, zwischen den Vorgaben der Foto-grafie und dem, was Fred Rückert mit „Eigen-ständigkeit“ und „Anverwandlung“ bezeichnet.

Zeichenkunst.

Zu Fred Rückerts neuer Serie.


     Man kann nicht gegen diese Frage an, sie drängt sich geradezu auf – beim ersten Blick auf die Zeichnungen von

Fred Rückert: Warum macht sich heute noch jemand soviel Mühe, einen Gegenstand so wiederzugeben, dass er seinem Erscheinungsbild mehr als nur nahe kommt, sondern ihn sogar auf eine eigentümliche Weise zu über-treffen scheint? Obwohl uns doch die Fotografie aufs Bequemste entgegenkommt und in Sekundenbruchteilen ein perfektes und ad hoc sichtbares Abbild liefert. Und das, wenn gewünscht, auch gleich vielfach und in allen möglichen Varianten. Zumal es sich hier obendrein um Zeichnungen handelt, die ihre Existenz Fotografien ver-danken – sozusagen geklonte Fotografien sind. Wie die Fotografie in ihren Anfängen versuchte, malerisch zu sein, so versucht hier die Zeichnung in ihrer lupenscharfen Detailbesessenheit die Fotografie zu überbieten. Und in der Tat hat der Zeichner hin und wieder die Lupe benutzt. Und man möchte es ihm darin gleichtun, um das, was schon lupenscharf erfasst ist, noch einmal vergrößert zu betrachten, um das Staunen zu potenzieren.

     Aber geht es wirklich um intermedialen Wettstreit, um ein Paragone, wie ihn die Bildhauer und Maler der Renaissance ausfochten? Von der Frage angespornt, welcher Gattung der höhere Rang gebühre? Geht es um

trompe l’œil, um optische Täuschung? Geht es darum,

unseren Wunsch nach dokumentarischer Wirklichkeits-treue durch Hyperrealismus zu befriedigen? Sicher auch. Aber nicht nur. Es geht um mehr, es geht um Kunst.

Aber interessiert das zunächst überhaupt? Haben sich unsere Augen nicht schon längst und lustvoll im Gespinst von feinsten Lineaturen und Stricheleien verfangen?  Was scheren uns da Rangfragen, was sollen wir da lange über Wirklichkeit und Wahrnehmung diskutieren, wo uns doch schon die pure Machart über alle Maßen fasziniert, dass einem die Augen übergehen wollen.

     Mit dem Zeichner kriechen wir uns förmlich hinein in das Gespinst von Strukturen, die bei normaler Betrachtung

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