Die Insel Hydra und die Magie der Dinge in den Werken von Fred Rückert.


Wenn es darum ginge, Fred Rückert in eine Stil-richtung einzuordnen, so müßte eine neue Begrifflichkeit für „Realismus“ getroffen werden, vielleicht „ästhetischer” bzw. „poetischer  Realismus“? Mir persönlich würde am  besten „nostalgischer Realismus” gefallen. Und das aus mehreren Gründen: Realismus deshalb, weil er dem Objekt seiner Wahl die liebevolle und haargenaue Auf-merksamkeit und Detailtreue schenkt, die es seiner Wahr-nehmung gemäß verdient. Nostalgisch, weil es ihm vor allem die schlichten, alten Objekte angetan haben, die aus seiner Sicht mit Flair und Ausstrahlung – eben mit Magie – behaftet sind. Die Objekte, denen die meisten Menschen keine Beachtung mehr schenken, werden bei ihm dank äußerster Präzision, Hingabe und perfekter künstlerischer Technik zu außergewöhnlich schönen Kostbarkeiten.

Die Liebe zu den Dingen des Vergänglichen hat in Spanien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein neues Genre geschaffen, das damals mit „Magischer Realismus“ betitelt wurde (Antonio Lopez und Manuel Villaseñor unter anderen).

Beabsichtigt war hier der nostalgische reale Blick auf die Dinge der Vergangenheit, die im Rezipienten der Kunstwerke (ein altes Waschbecken, Omas Kommode mit Spitzendeckchen) warme Gefühle vergangener Träume wachrufen sollte. So ist es auch bei Rückert: Eine am Meer gefundene  Wurzel, ein kleiner ausgesetzter Stuhl, alte ausrangierte Kisten erwecken in Rückert mehr Interesse als jede zeitgenössische Technikkonstellation, oder weiter noch: Als jedes Motiv historischer, figürlicher oder allgemein komplexer Kompositionen. Für ihn sind Stillleben Ausdruck oder Symbol seiner vielleicht nicht gelebten romantischen Weltanschauung. Die Erinnerung an Vergangenes erinnert uns an Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und es gibt keinen Romantiker in der Welt, der diesen sehnsuchtsvollen Rückblick nicht kennt.

Eigentlich sind die ausrangierten Objekte, die dem Verfall anheimgegeben sind, kunsthistorisch gesprochen auch Vanitasmotive, d.h. Symbole für die Vergänglichkeit der Welt. Nur damals, im 17. Jahr- hundert galten Stillleben mit Totenschädeln, alten Büchern, abgebrannten Kerzen, verwelkten Blumen (auch Goldstücke) als Mahnmal, als Erinnerung daran, dass uns mit dem Sterben eine gottgegebene Grenze gesetzt ist. Und die Kunstwerke beinhalteten auch den latenten Rat, der oft auf den Bildtafeln zu finden ist: „Carpe diem“, also „Lebe im Hier und Jetzt“ und mit dem Reformatiker Calvin gesprochen: Bewahre und respektiere das dir von Gott Gegebene und teile deinen Reichtum jetzt, denn nichts hat Bestand im Leben außer der Liebe zu Gott und den Menschen.

Und somit reiht sich Rückert ohne bewußte Reflexion und erhobenem Zeigefinger in die Tradition der Vanitasmaler ein, obwohl seine „objets trouvés“ aus unserer jüngsten Vergangenheit stammen. Dennoch vermitteln auch seine Werke die Liebe zu den von Gott und den Menschen geschaffenen Werken.

Wie bei vielen Künstlern des 17. Jahrhunderts in Spanien (Sanchez Cotan und Zurbaran), die ihre Werke in oft klösterlicher Einsamkeit schufen, sind seine Werke vor dem verlassenen Wohnhaus auf Hydra oder aber im einsamen Atelier in Frankfurt entstanden. So sind auch seine Bilder für eine religiöse Meditation wie geschaffen. Rückert gehört zwar keiner katholischen Gemeinschaft an wie die anderen erwähnten Maler, ihn faszinieren eher die menschlichen Einsamkeiten wie zum Beispiel bei Edward Hopper, die kompositorisch durch Leere und Fülle umgesetzt wird. Allerdings ist die Faszination, die Rückert bei der Betrachtung von Hoppers Bildern empfindet, mehr der Repräsentanz von Gefühlen der Verlorenheit und Verlassenheit zuzuschreiben. Hier fehlt ihm die Hingabe zum liebevollen Detail, zur Präzision und der warme nostalgische Blick, der für seine eigenen Werke so charakteristisch ist.

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